Sicherlich ist der unglaubliche Skandal, der sich beim letzten Bundeskongress der grünen Jugend zugetragen hat mittlerweile fast jedem bekannt. Nicht dass die Grünlinge gefordert hätten, dass Menschen eines gewissen Alters keine künstlichen Hüftgelenke mehr eingesetzt werden dürften oder das Wahlrecht etwas entdemokratisiert werden müsste. Solche berauschenden und visionären Ideen findet man eher bei den jungen „Christdemokraten„, was für Massenmedien allerdings nicht viel schlimmer ist, als ein kleiner Scherz mit unserer Nationalfahne, bei dem nicht einmal ein kleiner Tropfen Urin auf die ach so kostbare Faser gefallen ist.
Das spielt auch nicht wirklich eine Rolle, solang das Kleinbürgertum und die rechte Presse einen Grund finden, sich mal wieder richtig schön aufzuregen. Leider spielt die Fahne selbst dem, mit ihrer vorgeschobenen Traumatisierung, noch in die Hände.
Ich persönlich würde mich lieber vor die heruntergelassenen Hosen von Junggrünen legen, als mich von irgendwelchen Idioten an ihre geschmacklosen Häuser und hässlichen Autos hängen zu lassen. So wie das mit schwarz-rot-gold in meiner direkten Nachbarschaft geschieht. *würg*
Da stellt sich für mich ja mal eine ganz grundsätzliche Frage: Wo hört der hier so schlimm grassierende Vulgärpatriotismus auf und wo fängt die Banalisierung, und damit Entwürdigung, von Staatssymbolen an? In anderen Staaten ist, mit gutem Grund, die Befestigung von Hoheitssymbolen an Autos nur offiziellen Vertretern des Staates vorbehalten. Hier wird es als gelebter Ausdruck einer frischen, ungezwungenen Heimatliebe empfunden, wenn sich irgendwelche Friseusen mit schwarz-rot-gold-bemalten Titten in Fussballstadien stellen.
Ich möchte jetzt nicht dafür plädieren, dass sich nur noch Vertreterinnen des Staates die Schläuche auf diese Weise bemalen dürfen. Ich frage mich nur, ob man dieses Staatssymbol überhaupt noch entwürdigen kann.
Und ich frage mich, wofür diese Farben heute überhaupt noch stehen. Für welches Gesellschaftsmodell stehen denn „schwarz-rot-geil“ und „du bist Deutschland“? Nachdem die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 den drastischsten Sozialabbau der deutschen Nachkriegsgeschichte bewerkstelligt hat und sich im Volk die ersteren wahrnehmbaren Zweifel an den neoliberalen Heilversprechen mehrten, haben sich die Gewinner dieser Entwicklung zusammengetan, um diesen Zweifeln mit einer gross angelegten Kampagne zu begegnen.
Dafür haben sie sich eine uralte Strategie zu eigen gemacht, mit der schon die Pharaonen von ihren Untertanen Entbehrungen abverlangt haben: Man propagiert einfach ein höheres Ziel oder einen Wert, der wichtiger ist, als der einzelne. Bei den Ägyptern war das noch das ewige Leben des göttlichen Königs, für das man immer monumentalere Gräber bauen musste. In späteren Reichen und Nationen galt es sich, dem irdischen Wohle von Kaiser, König, Fürst und Vaterland zu Opfern. Im allgemeinen hatten diese patriotischen Agenden den Zweck, eine lenkbare Volksgemeinschaft zu formen.
Da sich die ins unverschämte gesteigerte Gewinnmaximierung einiger Konzerne wohl kaum als patriotisches Ziel eignen, mit dem sich so ein Volk in Bewegung setzen lässt, hat man sich einfach aller nationalen Symbole bedient, die das wohlige Gefühl einer funktionierenden Volksgemeinschaft vermitteln. Mit dem Unterschied, dass hier ein Volk ohne Gemeinschaft propagiert wird. Der Slogan „du bist Deutschland“ war ja kein Zufall. Die Verantwortung für die Nation wird auf den einzelnen heruntergebrochen. Die Bereitschaft, sich ausbeuten zu lassen, wird erste Bürgerpflicht und wer auf die Hilfe der Solidargemeinschaft setzt, gehört nicht wirklich dazu.
Und das alles unter den Farben schwarz-rot-gold, die dieser perfiden Form von Lobbyismus den Anschein einer überparteilichen Legitimation gaben. Diese Kampagne hat allerdings nicht so richtig gezogen. Dann kamen die Fussball-WM und schwarz-rot-geil.
Und damit vor allem die perfekte Gelegenheit, die bis dahin noch existenten Hemmungen der Nachkriegsstreit abzustreifen und einen vulgären aber harmlos wirkenden Flaggenfetischismus in das Freizeitverhalten der Deutschen einzuführen.
Und damit wurde diese Fahne zum Erkennungszeichen eines dümmlich grölenden Bevölkerungsteils, dessen Sozialneid sich viel zu leicht nach unten und damit gegen sich selbst leiten und dessen diffuse Vaterlandsliebe sich vom Lei(d)tmedium der neoliberalen und -konservativen Bewegung viel zu leicht und mit den durchschaubarsten Tricks zu nationalistischen Ressentiments steigern lässt. Sie ist nicht mehr die Fahne des Hambacher Festes und der Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts. Sie ist die Fahne der neuen Untertanen.
Also würde ich mal allen raten, die sich jetzt über diesen kleinen Scherz so aufregen, sich mal nicht so anzupissen und mit einem vergleichbaren Eifer für die (Re)demokratisierung unserer Gesellschaft einzutreten.






[...] das viele Grüne dem Vernehmen nach bei der WM2006 getan haben. Damit ist zur aktuellen Fahnenfrage auch schon fast genug gesagt, auch wenn man über Verfassungspatriotismus diskutieren könnte – und [...]
„Wo hört der hier so schlimm grassierende Vulgärpatriotismus auf und wo fängt die Banalisierung, und damit Entwürdigung, von Staatssymbolen an?“
Genau DIESE Frage habe ich mir zu Hochzeiten der Fußball WM und EM auch gestellt. Man war ja quasi übermannt von Schwarz, Rot und Gold.
Und ich wage zu behaupten dass 99% der „Fahnenhänger“ nicht einmal etwas über die Bedeutung unserer Staatsflagge wissen.
Interessantes Thema und kurzweilig geschriebener Beitrag, danke dafür.
Schöne Grüße,
Sascha